BVB-Finanz-Geschäftsführer Thomas Treß lenkt den BVB finanziell durch die Corona-Pandemie. © picture alliance/dpa
Interview

BVB-Finanzchef Treß: „28 Millionen Euro Kredit, und die Summe wird steigen“

Jahrelang kannte Borussia Dortmund wirtschaftlich nur eine Richtung: steil nach oben. Jetzt muss der BVB wieder Geld leihen. Finanzchef Thomas Treß über Covid, Kredite und den Transfermarkt.

Seit Oktober 2014 war Borussia Dortmund schuldenfrei. Dann kam vor einem Jahr Corona ins Spiel. BVB-Finanz-Geschäftsführer Thomas Treß nennt die Pandemie und ihre Auswirkungen „einen Schock“. Mit entsprechenden Folgen.

DFL-Chef Christian Seifert hat Bilder sprechen lassen: „Letzte Saison war bestenfalls ein laues Lüftchen, jetzt kommt der Sturm.“ Wie schwer trifft der Orkan namens „Covid“ in diesem Geschäftsjahr Borussia Dortmund?

Wir haben im vergangenen Jahr 43,5 Millionen Euro Verlust ausgewiesen. Das Ergebnis in diesem Jahr wird noch einmal deutlich schlechter ausfallen, weil nicht nur vier Monate von den Auswirkungen von Covid-19 betroffen sind, sondern vermutlich das ganze Jahr. Mit Verweis auf die Unwägbarkeiten und unsichere Rahmenbedingungen haben wir im September das Defizit auf 70 bis 75 Millionen Euro geschätzt. Manche Faktoren haben sich positiv entwickelt wie etwa der Fakt, dass wir noch in allen sportlichen Wettbewerben vertreten sind. Andere Punkte laufen dagegen, wir befinden uns zum Beispiel vermutlich bis zum Saisonende im Modus mit Geisterspielen. Eine belastbare Prognose kann ich nach wie vor nicht abgeben.Wie hilfreich ist das Weiterkommen in den Pokalwettbewerben?

Alleine für den Einzug ins Viertelfinale der Champions League schüttet die UEFA 10,5 Millionen Euro aus. Davon müssen wir aber auch Prämien bezahlen. Es ist ärgerlich, dass wir keine weiteren Einnahmen durch das Ticketing verbuchen können. Auch das Halbfinale im DFB-Pokal bringt außerplanmäßige Zusatzerlöse. Andererseits hatten wir vor einem halben Jahr mit zumindest einer Teil-Rückkehr von Zuschauern in der zweiten Saisonhälfte kalkuliert. Das erscheint vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entscheidungen sehr fraglich. Und das trübt meine Stimmung nicht nur ökonomisch: Ein paar Tausend Fans im Stadion würden uns in jeder Hinsicht helfen.Die KGaA hat 2020 ihre Rücklagen aufgebraucht und musste sich erstmals wieder Geld leihen. In welchem Rahmen, und wie schwer fällt gerade Ihnen angesichts der Klubhistorie dieser Schritt?

Es fällt mir emotional insoweit schwer, dass unsere Maxime immer lautete: größtmöglicher sportlicher Erfolg ohne neue Schulden. Wir haben vor 15 Jahren begonnen, den Schuldenberg stückweise abzutragen und dann viele Jahre ohne Verbindlichkeiten bestritten – bis zum vergangenen März. Diese Pandemie ist ein Schock für alle, natürlich auch für unsere Branche. Vor diesem Hintergrund haben wir uns für zwei Jahre Kreditlinien bis zu 120 Millionen Euro besorgt, davon haben wir bis zum 31. Dezember 28 Millionen Euro in Anspruch genommen. Diese Summe wird weiter steigen, solange sich die Verlust-Situation fortsetzt. Aber es ist definitiv nicht unsere Zielsetzung, uns länger als nötig Geld zu leihen. Das soll keine Dauerveranstaltung werden.

Aufgrund der vorherigen Bilanzen soll der BVB die Kredite für unter zwei Prozent bekommen haben …

Ich werde selbstverständlich nicht über die Konditionen unserer Kreditlinien sprechen. Sagen darf ich: Ein großer Vorteil von Borussia Dortmund ist, dass wir eine ganz andere finanzielle Stabilität hatten und haben als viele andere Vereine. Speziell jene, die bereits vor Covid mit bilanziellen Schulden unterwegs waren.Die Aktionäre haben auch die Möglichkeit einer Kapitalerhöhung eingeräumt mit 18,4 Millionen Aktien zu je einem Euro. Wann greifen Sie zu?

Es ist zu früh, dazu etwas zu sagen. Wir werden im Sommer oder Herbst die Lage bewerten: Wie hat sich die Pandemie entwickelt? Wie ist der Transfermarkt gelaufen? Wie ist die sportliche Situation? Ich kann eine Kapitalerhöhung Stand heute nicht ausschließen, das wäre unredlich. Genauso wenig kann ich sagen, dass wir dieses Instrument nutzen werden. Klar ist aber auch, dass wir nur so kurz wie möglich mit Schulden in der Bilanz arbeiten wollen.Die Großverdiener beim BVB haben anteilig auf Gehalt verzichtet. Gehören „Pandemie-Klauseln“ in Zukunft in die Verträge? Ist das denkbar, und rechtlich umsetzbar?

Es werden ligaweit Überlegungen angestellt, inwiefern beispielsweise Gehälter bei solchen externen Schocks angepasst werden können. Diese Gedankenspiele befinden sich aber noch in einem sehr frühen Stadium. Die Verträge mit Spielern beinhalten in der Regel ein Grundgehalt und variable Sonderzahlungen, die man allesamt nicht mal eben nach unten korrigieren kann. Eine größere Flexibilität wäre hier grundsätzlich mehr als eine Überlegung wert. Alle anderen Kostenfaktoren und Projekte unterliegen beim BVB bereits einem Sparkurs.

Stichwort TV-Gelder: Ohne den Pandemie-Spielbetrieb wären einige Klubs sofort pleite gewesen, Lizenznehmer aus Asien und Arabien zahlen aktuell nicht die zugesagten Summen, und dem BVB entgehen durch den neuen TV-Vertrag jährlich 13 Millionen Euro. Allgemein gefragt: Hängt der Fußball insgesamt zu sehr am Tropf der Fernsehgelder?

Die TV-Erlöse bilden einen wesentlichen Teil des Umsatzes bei allen Klubs, national wie international. Die bedrohlichen Lagen sind entstanden, weil es nicht möglich war und ist, auf der Kostenseite gegenzusteuern. Die Summen an sich dokumentieren nur, was der Markt zu zahlen bereit ist.Der BVB hat weitere wichtige Erlösquellen, aber es gibt auch Bundesligisten, die sehr einseitig vom TV-Geld abhängig sind.

Unsere starke Marke bringt uns eine relativ gesehen größere Wettbewerbsfähigkeit und mehr Chancen. Auf der anderen Seite trifft die Pandemie die großen Klubs wie Bayern München oder uns wegen der hohen Umsätze und Erlöse auch spürbar härter. Die Fallhöhen und die Einbußen bei Ticketing, VIP und Hospitality, bei internationalen TV-Geldern oder Prämien der UEFA sind schlichtweg größer. Und auf der anderen Seite stehen höhere Kosten für den Kader.Der BVB läuft sportlich Gefahr, die Champions League zu verpassen. Wie schwerwiegend wären die wirtschaftlichen Einbußen?

Wir haben selbstverständlich auch eine Risikoplanung erstellt, die ein Verpassen der Champions League abbildet. Daher wissen wir: Auch ohne Champions League kämen wir wirtschaftlich stabil durch die nächste Saison, unsere Existenz wäre in keinster Weise gefährdet. Ich würde das als „Betriebsunfall“ betrachten, wenn es denn wirklich so weit kommt. Es gibt ja noch acht Spieltage in der Bundesliga, um auf Platz vier zu landen.

Thomas Treß (l.) mit dem Vorsitzenden der BVB-Geschäftsführung, Hans-Joachim Watzke. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Welche Auswirkungen hätte eine Saison ohne Champions League konkret beim Lizenzspieler-Kader?

Wenn das Geld aus der Champions League fehlt, müssen wir entweder alternative Erlöse erwirtschaften oder die Kostenseite senken. Wir werden aber nicht Transfers tätigen müssen, weil wir uns nur für die Europa League qualifizieren.2015 war der BVB gegen eine Saison ohne Königsklasse abgesichert. Besteht so eine Ausfallversicherung auch aktuell?

Nein. Diese Versicherung haben wir damals in Anspruch genommen und auch ausgewiesen. Das hat uns 2015 geholfen, in der Folge aber zu einer signifikant höheren Prämienforderung geführt, die wir nicht erfüllen wollten. Insofern besteht diese Absicherung aktuell nicht.In der Champions League ist die Borussia vor einem Jahr gegen Paris Saint-Germain ausgeschieden, jetzt droht ein ähnliches Szenario gegen Manchester City. Macht es Sie als gewissenhaften Kaufmann wütend, dass diese zweifelhaft finanzierten Eigentümer-Klubs gemäß des Financial Fairplay gar nicht am Wettbewerb teilnehmen dürften?

Nein. Ich bin zwar ein emotionaler Mensch, aber immer rational getrieben. Manchester City hat wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay ein Verfahren und eine Strafe von der UEFA bekommen und dann beim CAS (der internationale Sportgerichtshof, d. Red.) obsiegt. Wohl auch aufgrund einer formellen Betrachtung. Aber Wut verspüre ich deswegen nicht.

Ist das Financial Fairplay in der aktuellen Form also ein zahnloser Tiger?

Das Financial Fairplay hat seine Stärken und seine Schwächen. Es blickt, mit zeitlichem Versatz, auf Daten aus der Vergangenheit und dreht dann im Zeitablauf die Schrauben sukzessive enger. Wir haben gesehen, dass diese Mechanismen greifen und bestimmte Exzesse nicht mehr stattgefunden haben. Sonst hätten wir international ganz andere Situationen vorliegen. Dass an manch einer Stelle Regularien des Financial Fairplay nachjustiert werden müssen, ist aber kein Geheimnis.Angenommen, der BVB verpasst die Champions League, und auch der Transfermarkt kommt nicht ins Rollen: Wie können Sie sich unabhängiger vom sportlichen Erfolg aufstellen?

Jedes Unternehmen ist von der Branche abhängig, in der es tätig ist. Unser Geschäft ist am Ende des Tages der Sport. Wir können uns intern weiter professionalisieren und unsere eigenen Strategien verfolgen, indem wir beispielsweise unseren operativen Geschäftsbetrieb ohne Fremdmittel finanzieren. Aber wir können uns nicht vollkommen unabhängig vom Markt machen.

Ein permanent ausverkauftes Stadion sowie ökonomisch rentable Transfers gehören zentral zum Geschäftsmodell. Mit welchen Erwartungen blicken Sie auf diese beiden Kernkomponenten in der anhaltenden Krise, und welche haben Sie für die Zeit danach?

Wenn man glauben mag, dass die Impfstrategie aufgeht und im Sommer alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot bekommen haben, werden wieder Menschen in die Stadien kommen. Mein Eindruck ist, dass viele unserer Fans danach lechzen. Wir tun das auch.Und der Transfermarkt?

Wir werden einen gespaltenen Transfermarkt erleben. Im mittleren bis niedrigpreisigen Segment werden die Summen eher sinken, weil hier und dort sehr viel Abgabedruck entstehen wird. Das wird die Preise drücken. Auf der anderen Seite wird es einen Bereich mit absoluten Top-Transfers geben, in dem nur wenige Akteure aktiv sind, die meist von Eigentümern finanziert werden. Bei Paris Saint-Germain, Manchester City oder Chelsea, um einige Beispiele zu nennen, wird die Limitierung vermutlich weniger greifen.

Zur Person: Thomas Treß (Jahrgang 1966) ist Diplom-Kaufmann, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater. Er begleitete die finanzielle Sanierung des BVB bis 2005 für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RölfsPartner.

Seit 2006 arbeitet er als Geschäftsführer beim BVB und verantwortet die Bereiche „Finanzen & Facilities“ sowie „Organisation“.

Wie froh sind Sie darüber, langfristige strategische Pläne mit 1&1, Puma oder Vermarkter SportFive vor der Pandemie unter Dach und Fach gebracht zu haben?

Ich denke, dass wir da das Glück des Tüchtigen hatten, als wir diese Verträge mit den strategischen Partnern vor dem Beginn der Pandemie abgeschlossen haben. Ob Ausrüster oder große Sponsoren: In Covid-Zeiten hätten wir preislich nicht dieses Niveau erreicht.Digitalisierung und Internationalisierung sollten als Triebfedern den Gesamtumsatz des BVB transferbereinigt bis 2025 auf 500 Millionen Euro heben. Ist diese Entwicklung, die auf eine nachhaltige und weltweite Fußball-Begeisterung baut, nach Covid-19 aufgehoben oder nur aufgeschoben?

Zunächst einmal ist diese Entwicklung aufgeschoben. Die Pandemie wirkt sich auf alle Geschäftsfelder aus, nicht nur bei uns, sondern global. Gleichzeitig ist das Thema Digitalisierung noch einmal deutlich nach vorne getreten. Das wird sich positiv auswirken, auch finanziell. International können wir leider zumindest keine persönliche Präsenz zeigen in wichtigen Märkten wie Asien oder den USA. Deswegen geben wir diese Strategie nicht auf, es wird nur länger dauern, diese Ziele zu erreichen.

War es rückblickend ein Fehler, auf das lukrative Geschäftsfeld eSports zu verzichten?

eSports beinhaltet ja nicht nur Fußball. Wir sind ein Ballspielverein, kein im Ligenbetrieb organisierter Konsolenspielverein. Das Thema in dieser Ausprägung passt also nicht zu unserer DNA. Und darüber hinaus: Mir sind bislang keine Fälle bekannt, in denen deutsche Klubs in diesem Bereich wirklich substanzielle Überschüsse vereinnahmt haben.Verraten Sie zum Abschluss, wie Ihre persönliche Planung lautet? Ihr Vertrag beim BVB liefe am 30. Juni 2022 aus …

Das werde ich zuerst mit unserem Präsidenten besprechen.Wären Sie denn grundsätzlich bereit, dem BVB weiterzuhelfen mit Ihrem Know-how?

Ich habe momentan nicht vor, mich beruflich zu verändern.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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